
Für die Hindus auf Mauritius gelten Affen eigentlich als heilig. Trotzdem liefert das Land mehr Makaken für Tierversuche als jeder andere Staat. Wie wurde Mauritius zum größten Primatenexporteur der Welt?
Von Nathalie Bertrams und Tristen Taylor
Der Käfig steht am Waldrand, keine fünf Minuten von Aryas Haus entfernt. Drei Meter breit, aus verzinktem Drahtgitter. Ein Ast hält die Falltür offen, drinnen locken getrocknete Stückchen Zuckerrohr und Bananenschalen.
Gerät ein Makak in die Falle, beginnt das Heulen; nachts hört das Arya jenseits der Felder in ihrem Schlafzimmer: „Sie weinen wie Babys“, sagt sie.
Arya, 47, ist Tagesmutter und lebt seit zwanzig Jahren in Crève Coeur, einem Ort mit 3000 Einwohnern am Fuß des Pieter Both, des zweithöchsten Bergs von Mauritius. Es nieselt. Sie trägt einen hellen Sari, ein rotes Bindi auf der Stirn und hält einen Regenschirm. Straßenhunde streifen durch das feuchte Gras. Im Auberginenfeld nebenan zupft die alte Nachbarin Unkraut, die Makaken-Falle steht auf ihrem Land. Ihre Söhne kassieren das Geld.
Im Dorf gibt es zwei Arten von Fallen, kleine private und die großen der Firmen, erzählt Arya. Ein Nachbar hat einen Käfig auf dem Hausdach, ein anderer einen unter dem Mangobaum im Garten, von der Straße aus sichtbar. „Seitdem haben wir Streit.“ Die professionellen Metallkäfige, wie der auf dem Grundstück der Nachbarin, sind über die ganze Insel verteilt. Für ein ausgewachsenes weibliches Tier zahlen die Firmen bis zu 10 000 Rupien, etwa 180 Euro. Viel in einem Land, in dem das durchschnittliche Monatseinkommen etwa 850 Euro beträgt.
Unten im Dorf steht ein kleiner Hindu-Schrein unter Bäumen. Dort verehren sie Hanuman, den Gott in Gestalt eines Affen, eine zentrale Figur im Hinduismus. „Wir beten zu ihm“, sagt Arya. „Und dann sperren wir sie ein.“ Sie schüttelt den Kopf. „Die Affen tun doch nichts.“


Eine halbe Stunde Autofahrt von Crève Coeur entfernt Richtung Westen beginnen die Strände am Indischen Ozean: Palmen, türkisfarbenes Wasser und Luxusresorts hinter weißen Mauern. Mauritius zählt rund 1,3 Millionen Einwohner. Die Wirtschaft der Insel lebt von Tourismus, Zucker, Textilien – und vom Handel mit Affen.
In die Falle gegangene Tiere kommen in Zuchtanlagen, ihre Nachkommen von dort in Labore in Europa. In die USA gehen auch Wildfänge; in der EU dürfen sie seit November 2022 nicht mehr eingesetzt werden. Mauritius ist heute der weltweit größte Exporteur von Langschwanzmakaken. Knapp die Hälfte der Tiere, die 2024 weltweit gehandelt wurden, kamen aus Mauritius, so geht es aus Berichten des Washingtoner Artenschutzübereinkommens zum Handel mit gefährdeten Tieren und Pflanzen hervor.
Als China 2020 wegen Covid-19 seinen Affenexport einstellte, entstand eine Lücke auf dem Weltmarkt. Kambodscha sprang ein, bis 2022 ein Schmuggelskandal die Lieferkette erschütterte: Wildfänge waren als Zuchttiere deklariert worden. Mauritius übernahm, konnte schnell liefern. Die Preise schossen in die Höhe: Der Exportwert eines Makaken aus Mauritius lag vor fünf Jahren noch bei knapp 2500 Euro, heute bei etwa 6700.
Im vergangenen Jahr verließen laut mauritischer Handelsstatistik etwa 300 Tiere pro Woche die Insel, doppelt so viele wie noch im Jahr 2019. Insgesamt fast 15 000 Makaken mit einem Handelswert von rund 100 Millionen Euro. Die meisten gehen in die USA, etwa ein Viertel nach Europa. Dort nutzen Labore sie für Medikamententests, Impfstoffe, Sicherheitsstudien und Grundlagenforschung.
2024 wurden in Deutschland 968 Langschwanzmakaken in Versuchen eingesetzt, ein Bruchteil der knapp zwei Millionen Versuchstiere hierzulande. Die meisten sind Mäuse, Ratten oder Fische – Standardware in den Katalogen großer Anbieter wie Charles River Laboratories. Das US-amerikanische Unternehmen aus Massachusetts ist einer der weltgrößten Händler für Labortiere. Makaken stehen am oberen Ende der Lieferkette: mit bis zu 45 000 Euro pro Tier die teuersten und ethisch umstrittensten Versuchstiere, eingesetzt vor allem für die Sicherheitsstudien neuer Arzneistoffe. In Deutschland geht die Zahl leicht zurück – ob wirklich weniger Tierversuche stattfinden oder nur in Drittstaaten verlagert werden, lassen die Statistiken offen.


Sechs Firmen dominieren den Affenhandel auf Mauritius. Die größten gehören franko-mauritischen Familien, einer kleinen wirtschaftlichen Elite, die seit Generationen große Teile des Landes, des Tourismus und der Jagd kontrolliert. Eine dieser Firmen ist Bioculture Mauritius – die größte Affenfarm der Insel, im Süden, nahe Rivière-des-Anguilles. Der Weg dahin führt durch Golfplätze und riesige Zuckerrohrfelder. Zucker bildete einst das Rückgrat der mauritischen Wirtschaft, aufgebaut in der Kolonialzeit, getragen von versklavten Menschen und später von indischen Vertragsarbeitern.
Die Affen kamen um 1650 mit niederländischen Matrosen auf die Insel
Kurz vor dem Ziel liegt der La Vanille Nature Park. Der Freizeitpark hat 2000 Krokodile, 1000 Schildkröten, Lemuren und einen Streichelzoo; Krokodilsteak gibt es im Restaurant und Krokodilledertasche im Souvenirshop. Gleich daneben wirtschaftet Bioculture. Beide Unternehmen gehören dem Ehepaar Mary-Ann und Owen Griffiths, die seit fast vierzig Jahren das Geschäft mit Affen ausbauen.
Vor dem Hauptgebäude der Affenfarm wartet Nada Padayatchy, Leiter für Wildfang und Nachhaltigkeit. Hellblaues Hemd, breites Lächeln, seit 27 Jahren bei Bioculture. „Wir glauben daran, unsere Türen zu öffnen“, sagt er. Es ist die einzige Firma auf der Insel, die das tut.
Vor dem Rundgang hält eine Mitarbeiterin einen Vortrag. Das Gründerpaar hat Bioculture 1985 aufgebaut, um die einheimische Natur zu schützen – vor den Makaken, einer eingeführten Plage. Die Affen kamen um 1650 mit niederländischen Matrosen als Haustiere auf die Insel, die bis dahin nie dauerhaft von Menschen besiedelt war. Früher schoss man die Tiere ab. Heute heißt es auf der Unternehmenswebsite: „Eine Herausforderung zur Ressource gemacht.“ Und: „Wir nutzen eine invasive Art auf Mauritius, um der Menschheit zu helfen.“ Die Affen heißen hier NHP, non-human primates.


Im Land Cruiser, Klimaanlage auf Anschlag, geht es zu den Gehegen. Bunte Dächer – rot, blau, gelb, türkis – leuchten über den Zuckerrohrfeldern wie ein Feriendorf. Reihen von Käfigen, sauber, mit Klettergerüsten, Seilen, Schaukeln.
Über den Käfigen hängen Sprühdüsen, feiner Wassernebel zieht durch die brütend heiße Luft. Zwei Makaken schnappen sich einen Schlauch und bespritzen sich.
Nahe an die Käfige kommt man nicht. Ohne Tuberkulosetest kein Zutritt.
Quarantänebereiche, Krankenstation, Versandboxen: Diese Teile der Anlage bleiben verborgen.
2023 schleusten die Tierschutzorganisationen One Voice und Action for Primates verdeckte Ermittler bei Bioculture und fünf weiteren Farmen ein. Ihr Bericht zeigt: Wildfänge, die erst nach Tagen aus den Fallen geholt werden. Misshandlungen. Äffchen, die in Transportboxen gepresst werden. Kranke Tiere, entsorgt in Plastikbeuteln. Fragen der SZ zu diesen Berichten beantwortete Bioculture nicht.
Bioculture hält rund 30 000 Tiere an zwölf Standorten auf Mauritius, aufgeteilt nach Produktionsphasen: Zucht, Entwöhnung, Export, Geriatrie. Etwa 7000 Babys kommen pro Jahr zur Welt, sagt Padayatchy. Dazu kommen die wild gefangenen Affen aus den 2400 Fallen, die die Firma im Land betreibt – auf Anweisung der Regierung, wie Padayatchy sagt. Daran sei ihre Betriebsgenehmigung geknüpft. Insgesamt entnehme die Industrie bis zu 5000 Tiere pro Jahr aus dem Wald.
Und wer kontrolliert das? Padayatchy antwortet ohne Zögern: „Die einzige Kontrolle läuft über die Industrie.“
Wie viele Makaken in Freiheit auf Mauritius leben, blieb lange unklar. Die letzte Schätzung stammt aus den 1980er-Jahren und basierte auf einer kleinen Stichprobe. Raphael Reinegger, niederländischer Ökologe an der University of Bristol, hat die Population erstmals systematisch gezählt – mit Drohnen und Wärmebildkameras. Über mehrere Monate hinweg, immer gegen fünf Uhr morgens, vierzig Meter über der Baumkrone, bevor die Affen ihre Schlafbäume verlassen.
Sein Ergebnis: rund 45 000 Tiere. Vor allem dort, wo Menschen Nahrung bieten: entlang der Zuckerrohrfelder und in Jagdrevieren, in denen täglich Hirschfutter ausgelegt wird. Pro Kilometer Entfernung von der Landwirtschaft sinkt die Dichte um mehr als die Hälfte. Offiziell sollen die Wildfänge die Population kontrollieren. Reinegger sagt: „Meiner Meinung nach ist es vor allem ein sehr gutes Geschäftsmodell.“
Auf Mauritius sind die Makaken eine invasive Art
Dasselbe Geschäftsmodell ließ die Bestände in Südostasien um 50 bis 70 Prozent einbrechen. 2022 setzte die Internationale Naturschutzunion IUCN den Langschwanzmakak auf die Rote Liste der gefährdeten Arten. Die Lobbyorganisation der biomedizinischen Forschungsindustrie NABR aus den USA legte Einspruch ein. In ihrem Vorstand sitzen Manager der größten Versuchstierhändler. Doch die IUCN bestätigte den Status 2025 erneut als gefährdet.
Das Washingtoner Artenschutzabkommen Cites erlaubt den Export von Langschwanzmakaken nur, wenn der Herkunftsstaat nachweist, dass das Überleben der Art nicht gefährdet ist. Mauritius hat diesen Nachweis bislang nicht vorgelegt: Die Regierung argumentiert, die Pflicht gelte nicht für eingeführte Arten. Das Cites-Sekretariat widersprach 2024 ausdrücklich: Auch für eingeführte Populationen sei ein solcher Nachweis erforderlich. Konsequenzen hatte das bislang nicht. Der Export läuft weiter.


Von einer Gefährdung der Art auf der Insel könne keine Rede sein, sagt Vincent Florens im Herbarium der Universität von Mauritius in Port Louis.
Florens, 54, weißes Haar, gewinnendes Lächeln, stammt von der Insel. Er zieht einen Holzsessel mit grünem Kunstleder an den Schreibtisch. „Noch aus der Kolonialzeit“, sagt der Ökologe. Um ihn herum stapeln sich gepresste Pflanzen, Aktenschränke und Kupferstiche aus vergangenen Jahrhunderten.
Seit Anfang der 1990er erforscht Florens die Biodiversität von Mauritius – oder was davon noch übrig ist. Von 1638 an siedelten die Niederländer und begannen, die Ebenholzwälder der Küste abzuholzen. Den flugunfähigen Dodo gab es am Ende des Jahrhunderts nicht mehr. Unter französischer Kolonialherrschaft von 1715 an wurde die Insel zur Plantagenlandschaft.
Übrig blieben nur 80 Quadratkilometer kleine, zersplitterte Reste von Primärwald – etwa vier Prozent der Insel.
Was vom Wald bleibt, steht unter Druck: invasive Pflanzen und Sträucher, dazu Ratten, Wildschweine, Hirsche, von den Niederländern eingeschleppt. Vor allem die Erdbeerguave aus Brasilien überwuchert die einheimische Vegetation.
Die Makaken seien nicht die Hauptursache, sagt Florens, sondern der Auslöser, der ein ohnehin geschwächtes System kippen lässt. Für ihn bleiben sie eine invasive Art, auch fast 400 Jahre nach ihrer Ankunft.
Makaken sind nicht auf den Primärwald spezialisiert, sondern profitieren von Waldrändern und gestörten Lebensräumen – Plantagen, Feldern, Schneisen. Dort plündern sie Vogelnester, fressen unreife Früchte, zerbeißen Orchideen und junge Triebe. Sie fressen nicht, bis sie satt sind, sagt Florens. Sie pflücken eine Frucht, beißen hinein, werfen sie weg, greifen die nächste.
Für die Pflanzen ist das entscheidend: Viele brauchen Jahre, teils Jahrzehnte, um zu wachsen und Früchte zu tragen – Zeit, die sie nicht mehr haben. Im vergangenen Jahr wurde eine der zwölf endemischen Ebenholzarten der Insel als ausgestorben gemeldet.
Ideal wäre es, die Affen ganz von der Insel zu entfernen. Eine Umsiedlung in ihre Herkunftsregionen in Südostasien hält Vincent Florens für kaum machbar, gezieltes Töten für politisch nicht vermittelbar. Bleibt nur der Wildfang für die Zuchtstationen. Damit seien die Zuchtbetriebe seine einzigen Verbündeten im Naturschutz. Das Testen an Makaken sei grausam, sagt Florens, aber man müsse eben das kleinere Übel wählen. „Wenn man es vermeiden könnte, würde man es vermeiden“, sagt er. „Aber wir leben nicht in einer idealen Welt.“


„Dann sitzt die Mutter in einer Ecke und frisst nicht.“
Eine Stunde Autofahrt entfernt sitzt der Tierpfleger Veer auf seiner Veranda, graues T-Shirt, auf dem rechten Oberarm ist der Hindugott Shiva tätowiert. Achtzehn Monate lang arbeitete er bei Noveprim, einer der größten Zucht- und Exportfirmen für Langschwanzmakaken auf Mauritius. Die Luft ist schwer von der Regenzeit, seine Frau hat Mango und Papaya aufgeschnitten.
Rund 800 Affen standen unter seiner Aufsicht. Zwölf Gehege, jedes mit 60, 70 Tieren. In seinem Arbeitsvertrag waren 40 vorgesehen. „Erst mal haben wir jeden Morgen gezählt: Geburten, Verletzungen, Tote – in 30 Minuten.“ Danach Reinigung, Fütterung, Desinfektion. In jedem Gehege lebten zwei dominante Männchen mit den Weibchen und ihren Jungen. Mit etwa acht Monaten trennten die Pfleger die Jungtiere von den Müttern, um sie für den Export vorzubereiten. „Dann sitzt die Mutter in einer Ecke und frisst nicht.“
Die Pfleger trugen braune Uniformen, die Tierärzte blaue. „Sobald sie Blau sahen“, sagt Veer, „wurden die Makaken aggressiv. Sie sprangen hin und her, rüttelten am Gitter.“ Andere ehemalige Mitarbeiter berichten von Bissen, Kratzern und Narben. Mit den blauen Uniformen kamen Tuberkulosetests, Blutentnahmen, Eingriffe. Nicht nur die Tiere selbst werden exportiert, sondern auch ihr biologisches Material – Blut, Plasma, Gewebe für Sicherheitsstudien, Arzneimittelentwicklung und Forschung – hauptsächlich in die USA, nach Großbritannien und Belgien.
Die Fangtrupps brachten neue Affen oft nachts, meist Jungtiere aus den Fallen im Wald. Wenn Veer morgens zur Arbeit kam, saßen sie in den Käfigen. „Man wundert sich: plötzlich fünf mehr. Und sie sehen alle gleich aus.“ Die Frage stellt sich, wie jemand sicherstellen kann, dass sich Wildfänge und Nachzucht nicht vermischen. Seit 2022 dürfen in der EU nur Tiere für die Forschung eingesetzt werden, deren Eltern und Großeltern bereits in Gefangenschaft geboren wurden.
Veers ehemaliger Arbeitgeber Noveprim gehört seit 2023 mehrheitlich zu den Charles River Laboratories. Im selben Jahr erhielt Charles River eine Vorladung des US-Justizministeriums wegen seiner kambodschanischen Lieferkette, in der ein Schmuggelskandal aufgeflogen war: Tausende wild gefangene Makaken sollen als Nachzuchten exportiert worden sein. Acht Personen wurden angeklagt, darunter zwei Forstbeamte. Charles River stoppte die Importe aus Kambodscha. Auf Fragen der SZ zu den beschriebenen Vorkommnissen bei Noveprim äußerte sich das Unternehmen nicht.
Mauritius liefert seit 2020 fast ausnahmslos Tiere, die der EU-Vorgabe formal entsprechen
Eigentlich war ein weiter gehendes Ziel vorgesehen: Tiere sollten nur noch aus Kolonien stammen, die sich selbst erhalten, ohne Wildfänge. Eine Machbarkeitsstudie der EU-Kommission kam jedoch 2022 zu dem Ergebnis, das Ziel sei auf absehbare Zeit nicht zu erreichen. Die Zuchtbetreiber haben der Kommission selbst erklärt, warum: Die wachsende Nachfrage an Labortieren verbrauche alle Tiere, die sie produzieren. Ohne Nachschub aus dem Wald könnten sich die Zuchten nicht selbst erhalten.
Als Veer Missstände in der Anlage von Noveprim ansprach, hieß es: „Du machst Probleme.“ So erzählt er. Das Management habe klargestellt: Was hier passiert, bleibt unter uns. Handys waren verboten. Heute arbeitet er in einer Autovermietung, ein paar Minuten vom Flughafen entfernt. Nachts hört er die Flugzeuge starten.
Die Makaken aller Unternehmen verlassen die Insel in kleinen Holzkisten im Frachtraum von Cargo-Airlines in Richtung Toulouse, Paris oder Brüssel.


Inspektionsberichte aus Brüssel-Zaventem zeigen 456 Tiere im Oktober 2023 und 520 im Januar 2024 – alle aus Mauritius. Sie dokumentieren auch Fälle, in denen Tiere tot oder schwer verletzt ankamen.
Manche fliegen weiter nach Großbritannien oder in die USA. Andere fahren per Lkw zu Firmen in den Niederlanden, in Frankreich oder fünfzehn Stunden nach Camarles im spanischen Tarragona, zur größten Affenfarm Europas.
Camarney heißt die spanische Anlage von Noveprim. Sie liegt abgelegen im Hinterland südlich der Stadt Tarragona, zwischen Olivenhainen und uralten Trockenmauern.
Die Anlage ist für 3600 Tiere zugelassen. Nebenan entstehen neue Käfige. Ein Metallzaun, eine frisch gepflanzte Bambushecke, Kameras, Verbotsschilder. Man riecht die Affen, bevor man sie hört.
Ein Makak streckt den Arm durch das Gitter und versucht, ein Palmenblatt zu greifen. Er kommt nur mit den Fingerspitzen dran.
Drei Arbeiter in blauen Overalls kommen aus dem Werkstor. Sie haben gerade die Affen gefüttert, mit ihnen kommt eine Sicherheitsmitarbeiterin. „Sie dürfen hier keine Fotos machen. Löschen Sie die Speicherkarten, oder ich rufe die Polizei“, sagt sie in scharfem Ton. Die Männer stehen etwas unsicher daneben, den Blick gesenkt.
„In den Zuchtkolonien herrscht ein ständiger Kreislauf von Infektion und Reinfektion“, sagt Lisa Jones-Engel. Sie hat mehr als drei Jahrzehnte zu Infektionskrankheiten bei Makaken geforscht, früher an der University of Washington, heute als wissenschaftliche Beraterin bei der Tierschutzorganisation Peta. Erreger, die bei Menschen sofort eine Meldung auslösen würden, müssten bei Affen oft nicht einmal angezeigt werden, sagt sie. Wie real diese Risiken sind, zeigte sich 2023 auf Mauritius: Nachdem bei beschlagnahmten Makaken Tuberkulose festgestellt worden war, wurden 178 Tiere eingeschläfert; weitere 73 waren bereits verendet.
In einem Labor in Münster wurde 2022 bei Makaken aus Mauritius ein bislang unbekannter Hepatitis-A-Erreger entdeckt – einer, den alle gängigen Tests übersehen hatten. In einem Forschungszentrum in Oregon waren 2023 sieben von dreizehn importierten Makaken aus Mauritius VRSA-positiv – resistent selbst gegen Vancomycin, ein Reserveantibiotikum für letzte Fälle. „Diese Erreger sind nicht nur ein Gesundheitsrisiko“, sagt Jones-Engel. „Sie machen die Affen auch als Forschungsmodell unbrauchbar.“
Moderne Arzneimittel werden zunehmend als Biologika entwickelt: Antikörper, künstliche Proteine, Gen- und mRNA-Wirkstoffe. Auf sie entfällt ein Drittel bis knapp die Hälfte aller Neuzulassungen. Für viele Biologika gilt der Makak dennoch als bevorzugtes Modell, obwohl er gerade dort die schwächsten Ergebnisse liefert, sagt der Toxikologe Thomas Hartung von der Johns Hopkins University, der an Alternativen zum Tierversuch forscht. „Wir sind keine 70-Kilo-Makaken.“ Mehr als neun von zehn Wirkstoffen, die im Tiermodell überzeugen, scheitern später am Menschen.
Obwohl Behörden und Forscher weltweit längst an Alternativen zu Tierversuchen arbeiten, ist auf dem Markt von einem Ausstieg bislang wenig zu spüren. Makaken bleiben knapp und teuer. Anfang 2026 meldeten Analysten in China wieder steigende Preise; Charles River Laboratories kündigte zur selben Zeit den Kauf eines kambodschanischen Primatenzulieferers für rund 510 Millionen Dollar an. Gleichzeitig baut Mauritius seine Rolle aus: Die Regierung arbeitet daran, das Land gezielt als Standort für biopharmazeutische Forschung und Tierversuche zu etablieren.


Doch auf der Insel wächst der Widerstand. Vor vier Jahren fand Mansa Daby, Lehrerin für Englisch und Kreolisch, beim Hundespaziergang eine Affenfalle.
Danach gründete sie die Organisation Monkey Massacre in Mauritius.
Heute dokumentiert sie Fallen, sammelt Daten und organisiert Proteste gegen die Affenfarmen. Manchmal, sagt sie, hat sie Angst. „Vier der fünf größten Unternehmen in Mauritius halten Anteile an Affenfarmen. Es geht um viel Geld“, sagt Daby. „Und wenn es um so viel Geld geht, bleibt die Ethik auf der Strecke.“
Beim Pilgerfest Maha Shivaratri steht sie unter einem Zeltdach und drückt Pilgern Flugblätter in die Hand. Die Straße zum heiligen See Ganga Talao im Süden der Insel ist verstopft. Hunderttausende sind unterwegs, laufen bis zu siebzig Kilometer zu Fuß. Freiwillige verteilen Wasser und Dhalpuri, gefülltes Fladenbrot. Auf den Umzugswagen, die dem Gott Hanuman geweiht sind, hängen Plakate: „Stop the Monkey Massacre“, „Restore Dharma“ – stellt die göttliche Ordnung wieder her. Vergangenes Jahr wurde Daby mit anderen Aktivistinnen hier wegen „Aufwiegelung“ verhaftet und musste die Nacht im Gefängnis verbringen.
Nur wenige Pilger bleiben stehen, lesen ihr Flugblatt, nicken. Die meisten ziehen weiter. Mansa Daby wartet, bis die nächste Gruppe näher kommt, tritt einen Schritt vor und beginnt wieder zu erklären.
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Die Recherche wurde unterstützt von Netzwerk Recherche und der gemeinnützigen Umwelt-Förderorganisation Olin gGmbH sowie Journalismfund Europe.
Der Artikel erschien im Original in der Süddeutschen Zeitung unter: https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/wissen/mauritius-affenhandel-makaken-labore-forschung-tierversuche-e815393/